Bären / 33
Holzart
Lindenholz
Artist
Schule für Holzbildhauerei, Brienz
Herstellungsjahr
1900 – 2017
Beschrieb
Der Mensch hatte zum Bären schon immer ein besonderes Verhältnis: Er fürchtete und jagte ihn, er liebte aber auch sein Fell und vergnügte sich an der zottigen Schwerfälligkeit. Diese Beliebtheit wurzelt in Sagen, Fabeln, alten Volkserzählungen und bildlichen Darstellungen, wo er als tollpatschiger und etwas behäbiger, aber freundlich gesinnter und hilfsbereiter Geselle wahrgenommen wird. Diese verniedlichende Sichtweise machte ihn zum Liebling der Tiere. Er wurde nicht nur Vorbild für die geschnitzten Bären aus Brienz, sondern auch für die weltweit bekannten Teddybären und die vielen Bärenspielzeuge.
Die Tradition des Bärenschnitzens geht auf die Anfänge der Brienzer Holzschnitzerei im 19.Jh. zurück. Nach anfänglicher Herstellung laubverzierter Pokale, Eierbecher, Dosen und Kassetten ergänzte sich das Souvenirangebot mit Menschen- und Tierfiguren aus dem näheren Lebensraum. Die Darstellung von einheimischem Wild wie Hasen, Rehe, Gämsen, Steinböcke, Murmeltiere, Adler und insbesondere Bären entwickelten sich zu den Hauptfiguren.
Auch wenn der Bär nicht als einheimisches Wild gilt, war die Nachfrage so gross, dass eine Vielzahl von Schnitzlern sich auf diese Figuren spezialisierte und er zur am häufigsten hergestellten Tierfigur wurde. Noch 1965 bezeichneten sich von 145 Holzbildhauern in der Region ein Viertel als «Bärenschnitzler». Von künstlerisch bedeutsamen Bärenfiguren, über Bären in Verbindung mit Möbeln und Gebrauchsgegenständen bis hin zum Souvenirbären, findet sich eine facettenreiche Palette, in der sich Können und Kreativität, aber auch Humor und Fantasie des jeweiligen Schnitzlers spiegeln. Bären gelten im Vergleich zu anderen Tieren, etwa Adlern, als einfach zu schnitzende Tierfiguren. Ein grosser Teil der Bären gelangte gar nicht erst in die Verkaufsläden, sondern wurde direkt ins Ausland exportiert. Die grössten Abnehmer waren in England und Amerika.
Die Bären aus Brienz sind in ihrer handwerklichen Machart von jenen anderer Orte deutlich verschieden. Man denke vor allem an Deutschland und Russland mit ihren Holzspielzeugen. Im Wesentlichen bestand dieser Unterschied in der Führung der gekerbten Linien, die sich naturgetreu den Körperformen anschmiegten und nicht aus rein dekorativen Erwägungen bestimmt wurden. Die Art und Beschaffenheit des Felles wurde mit dem so genannten Haarschnitt, dem «hären» nachgeahmt.
Ganz anders wird zum Beispiel beim russischen geschnitzten Bären eine abstrakte, stark dekorative Linienführung der geschnitzten Furchen angestrebt. Noch stärkere Unterschiede gibt es bei den Motiven. Der Brienzer Bär ist ein Einzelgänger. Er steht meistens isoliert da, unabhängig vom Kontakt mit seinesgleichen oder mit den Menschen. Nie ist der Bär aus Brienz ein Spielzeug. Er ist unbeweglich und unterscheidet sich so wohl am deutlichsten vom deutschen und russischen Spieltier. Oft wurden auswärtige Fachleute zur Erweiterung der Kunst des Schnitzens und zum Erfahrungsaustausch angestellt und von ihnen auch das Beizen und Polieren von Bären gelernt. Dennoch behielt der Bär aus Brienz seine Eigenart und ist ein Stück einheimischer Realität. Das Museum besitzt keine eigenen Objekte. Die weit über 100 ausgestellten Bären sind Leihgaben aus umfangreichen Sammlungen von Privatpersonen und von Partnern aus unserer Region. Ihnen und unseren Sponsoren gebührt auch an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön.



