Chalets / 24
Holzart
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Arbeitstechnik
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Artist
Verschiedene Hersteller
Herstellungsjahr
1910 – 1980
Beschrieb
Ab dem 19. Jahrhundert (besonders ab der Mitte) kam in den europäischen Ländern Begeisterung für Reisen in die Schweiz auf. Das Chalet wurde zu einem Symbol für eine Gesellschaft, die auf den Werten Einfachheit, Naturverbundenheit, Freiheit und Demokratie beruhte. Es waren meistens Bauten aus Holzbalken, oft reich verziert und galten als die reinste Bauart.
Ursprünglich, anfangs 19. JH blieb das Chalet ein Element der Landschaftsgestaltung und zierte Parkanlagen grosser Adelshäuser. Königin Victoria ließ auf dem Gelände von Osborne House, ihrem Lieblingspalast auf der Isle of Wight, ein Schweizer Chalet errichten. Dieses Chalet, das als Spielhaus für ihre Kinder gedacht war, beherbergte in seinem Wohnzimmer ein Kabinett mit sechzig Schweizer Schnitzereien.
Nach 1830 kam der Chaletstil als «Import» in die Schweiz. Die neue Bauweise wurde in Infrastrukturen des Fremdenverkehrs angewendet – für Bahnhöfe, Gartenpavillons und Hotels – und als «traditionell» ausgegeben. Besonders nach der Gründung des Bundesstaates 1848 bot das Modell eine willkommene Identifikationsfläche; der Chaletstil wurde zum Heimatstil.
Durch die Landesausstellungen erhielt das Chalet eine bleibende Popularität. Es war ideal für die halbindustrielle Vorfertigung, dank seiner baulichen Eigenschaften. Dank auch des Ausbaus des Schienennetztes, konnte das Chalet in Einzelteilen einfach exportiert werden.
Es gibt «Chaletwege» bis heute, nicht nur in Thun oder Kandersteg, sondern auch in Zürich-Oerlikon, Oftringen oder Olten.
Ab Mitte des 18. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts malten Schweizer Künstler Landschaftsmotive, die mit ihren fantasievollen Chalets wesentlich zur idealisierten Vorstellung der Schweiz beitrugen und somit zu begehrten Souvenirs wurden.
Im Jahr 1869 wurden Postkarten in der Schweiz eingeführt und entwickelten sich zu einem wichtigen touristischen Werbemittel. Chalets waren ein beliebtes Motiv und Kurorte, Gasthöfe, Grandhotels und Ferienheime nutzten ihre Popularität, um für sich zu werben.
Kein Tourismus ohne Mitbringsel: Das Miniatur-Chalet war hoch im Kurs. Bereits um 1816 berichten Reisende, dass im Lauterbrunnental «kleine Modelle von Sennhütten» hergestellt werden. Auch als Kässeli und Musikdose wurden sie angeboten, meist aber als Modell.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Jungfrauregion zur Pflichtdestination auf der Grand Tour, der grossen Rundreise durch die Schweiz. Die immer zahlreicheren Besucher verlangten nach Beweisstücken, nach Souvenirs und Mitbringseln- eine Nachfrage, die das lokale Gewerbe bald zum Blühen brachte. Um 1850 arbeiteten zwischen Lauterbrunnen und Meiringen und rund um den Brienzersee mehrere tausende Menschen in der Souvenirindustrie, mehrheitlich ohne Ausbildung und meist spezialisiert auf einzelne Produkte: Salatbesteck, Kassetten, Bären, Gämsen …… oder eben, Chaletminiaturen.
Löhne
Im 19. Jahrhundert arbeiteten Schnitzler und Kleinschreiner meist in Einmannbetrieben parallel zu einer kleinen Landwirtschaft. Ihre Produkte verkauften sie an Grossisten in Brienz und Meiringen, seltener auch direkt. Um 1880 soll der Taglohn eines «Hüselischnitzlers» 85 Rappen betragen haben, während ein Bären- oder Wildtierschnitzer in derselben Zeit 2.50 Franken verdiente.
Firma Jobin
Die 1835 gegründete Holzmanufaktur Jobin in Brienz etwa stellte aufwendig gefertigte Mini-Chalets her. Sie hatte bis 1914 Filialen in der ganzen Schweiz. Die Häuschen haben mittlerweile hohen Sammlerwert. Mit dem Ersten Weltkrieg endete die erste Boom-Phase des Tourismus. Heute sind die Souvenirs Massenware, die meist in China hergestellt wird.
Krisenzeiten
Eine grosse Krise verursachte der erste Weltkrieg, der den Fremdenverkehr praktisch über Nacht zum Erliegen brachte. Hersteller von Chaletminiaturen mussten ihre Abnehmer nun im Inland finden. Einer, dem es gelang, war der Brienzer Arnold Laternser (1893-1984). Er, sein Bruder und sein Vater stellten in den 20er Jahren nicht nur Schweizerhäuschen her, sondern auch Schulschachteln und Mausefallen. Ein grosser Teil der Häuschen ging direkt an die Firma Zwicky in Wallisellen. Diese produzierte Nähfaden und Webgarn und setzte diese Häuschen als eine Art Merchandisingartikel ein: Wer hundert Spulen Seidengarn der Marke «Au Chalet» kaufte, bekam als Geschenk eines der feingearbeiteten Modelle.
Ueli Maurer und sein Modellchalet
Im Frühling 2014 war Bundesrat Ueli Maurer in der ganzen Schweiz unterwegs, um im Abstimmungskampf für den Kauf neuer Kampfflugzeuge zu werben. Immer mit dabei: ein Modellchalet, dessen Dach sich wegnehmen liess. Es diente dem Magistraten als Sinnbild für die Schweiz. Ohne eine modern ausgerüstete Luftwaffe, so Maurer, sei das Land schutzlos wie ein Chalet ohne Dach. Das Argument vermochte nicht zu überzeugen; an der Urne wurde die Vorlage abgelehnt.
Das Chalet heute
Weltweit gibt es eine grosse Anzahl Ferienhäuser, Bungalows, Motels, Gasthäuser und Hotels, die sich an den alpinen Schweizer Holzbau Typus anlehnen: USA und Kanada, Mittel- und Südamerika, Europa und Asien.
Als Folge des Klimawandels ist Holz als Baumaterial wieder stark in den Fokus gerückt. Besonders im urbanen Raum werden Holz(hoch)häuser projektiert und realisiert: Holz ist ein nachwachsender Rohstoff aus lokalen, nachhaltig bewirtschaftbaren Mischwäldern. Es bindet seinerseits CO2 und sorgt nicht zuletzt für ein angenehmes Raum- und Wohnklima. Da gegenwärtig immer mehr Architekt*innen mit Holz bauen, hat der Holzbau sein Chalet-Image längst verloren.



